Bereits fünf Jahre blogge ich rund um das Thema Beauty, was mir noch heute riesigen Spass macht, trotzdem fehlt mir teilweise ein wenig der Tiefgang. Ich bin ein breit interessierter Mensch und interessiere mich sehr für Menschen und deren Geschichten. Die einen Geschichten bewegen, die anderen bringen mich zum Nachdenken, nochmals andere verändern.

Schon lange war es mein Wunsch, großartige, mutige und bewundernswerte Menschen auf meinem Blog vorzustellen, die die Welt verändern. Nicht nur mit ihren Taten und ihrem Dasein, sondern mit der Ehrlichkeit, Tabu Themen schamlos anzusprechen und dadurch Betroffenen zu helfen und Angehörigen zu helfen, besser zu verstehen.

….die Sucht nach Kontrolle

Die erste Geschichte dreht sich um das Thema Magersucht. Ein allgegenwärtiges Thema, welches aber oft falsch verstanden wird. Auch ich habe es als Wunsch vom dünn sein wollen in Verbindung gebracht. Die Anorexie, wie man sie im Fachjargon nennt, gilt als psychische Krankheit und dahinter steckt weit mehr als nur das Verlangen nach einer schlanken Taille.

Egal, welche Art von Magersucht: Es ist eine psychosomatische Erkrankung, das heißt, sie spielt sich im Kopf, in Gedanken und Gefühlen intensiv ab, äußert sich aber über den Körper und die Folgen des Untergewichts.

Magersucht ist mehr als ein außer Kontrolle geratenes Schönheitsideal

Der besondere Kick der Magersucht besteht darin, größtmögliche Kontrolle über seine Bedürfnisse und seinen Körper zu haben. Betroffene haben oft das Gefühl, mit ihrem Gewicht auch das eigene Leben wieder kontrollieren zu können. Magersucht geschieht im Kopf.

Leila, meine erste mutige Kämpferin erzählt uns heute in einem Interview, wie sie den Weg aus der Magersucht geschafft hat, wie sie ihre inneren Dämonen besiegt hat, wie ihre exzessive Nahrungsverweigerung seinen Lauf nahm und wie oft sie dem Tod gegenüber stand.

Leila Alder aus Zürich, 24 Jährig. Chefredakteurin Femelle
Hobbies: Schreiben, lesen, tanzen, diskutieren und lachen

Erst kürzlich hast Du bei Femelle deine ganz persönliche Geschichte erzählt. Was hat dich plötzlich dazu bewogen deine Geschichte öffentlich zu machen? Gehört es ein Stück weit auch zur Verarbeitung deiner Vergangenheit?
Ich habe mir das Ganze ziemlich lange und gut überlegt. Bereits als es mir noch verdammt schlecht ging, habe ich mir vorgenommen, dass wenn ich es jemals aus dieser Krankheit raus schaffen würde, ich meine Geschichte erzählen will, um Betroffenen zu helfen und vor allem aber auch um dieses Tabuthema öffentlich anzusprechen. Ich habe mir oftmals gewünscht, irgendwo eine «Erfolgsgeschichte» zu lesen – eine authentische. Es existieren zahlreiche Berichte über Essstörungen, jedoch sind die meisten so oberflächlich geschrieben, dass ich mich nie wirklich damit identifizieren konnte und dachte: «Leute, nennt die Scheisse doch einfach beim Namen.» Ich denke mit Verarbeitung hat dieses «Outing» nicht so viel zu tun. Für mich markiert es aber das Ende einer unglaublich harten Zeit.

Eine Magersucht kommt üblicherweise nicht von heute auf Morgen. Wie hat sich die Krankheit bei dir entwickelt und gab es dazu einen konkreten Auslöser, der dich zum exzessiven Hunger veranlasst hat?Ganz ehrlich; es geht viel schneller als man denkt. Zack, und du bist mittendrin. Einen konkreten Auslöser gab es bei mir nie. Ich sehnte mich nach Kontrolle, Stabilität und Disziplin. Eine toxische Kombination, wenn du beginnst diese Dinge auf deinen Körper auszuüben.

Man baut sich sein eigenes Lügen-Konstrukt auf

Wann hat deine Familie und das Umfeld von Deiner Sucht Kenntnis genommen?
Sehr schnell. Schneller als ich. Meine Familie und meine Freude kennen mich unheimlich gut und wussten gleich was läuft. Bei mir dauerte es länger, bis ich es mir selbst eingestehen konnte.

Wie gelang es Dir, die Sucht so lange geheim zu halten im Alltag?
Es ist traurig, aber man wird zu einem skrupellosen Lügen-Profi. Wirklich geheim halten konnte ich es aber nicht. Mein Körper verriet mich. Alltagstauglich war sie aber dennoch. Die Leute tun halt so, als würden sie dir glauben. Unsere Gesellschaft ist zu verklemmt und hat verdammt grosse Angst vor Konflikten. Man nennt die Dinge nicht gerne beim Namen. Viel zu einfach und angenehm war es, mein Theater mitzuspielen.

Gab es auch Momente, wo du die Sucht verteufelt hast?
Ich frage mich eher, ob es Momente gab, wo ich dies nicht tat. Ich hasste diese Stimmen im Kopf. Es ist eine Art toxische Beziehung, die du mit dir selbst führst.

Du hast dich auf unter 40 Kilo (genaue Zahl wird nicht genannt, da es ein Trigger Potenzial hat) runtergehungert, hat dir dein Spiegelbild gefallen?
Ich habe selten in den Spiegel geschaut. Ich wollte nicht sehen, was ich mir selbst antat. Wenn ich Bilder von mir sah, erschrak ich. Ich schaute mir oft alte Fotos an, und hoffte irgendwann wieder an diesem Punkt und in diesem gesunden Körper sein zu können.

Ich wollte gesund werden, aber nicht essen

Eines Tages wurdest du in den Spital eingewiesen und wurdest sozusagen zwangsernährt. Du musstest genau das wahrscheinlich unter Beobachtung tun, was für dich das Schlimmste überhaupt war – essen. Geht man als Magersüchtige in den Spital und möchte gesund werden oder möchte man einfach alle überlisten und ja nicht zunehmen?
Das Ganze ist ziemlich paradox. Ich wollte gesund werden, aber ich wollte nicht essen. Oder nicht das, was ich essen sollte. Im Spital tat ich es aber trotzdem, und hatte keine grosse Mühe damit. Es war viel einfacher als in meinem gewohnten Umfeld. Trotzdem beginnst du halt irgendwelche Tricks anzuwenden. Hab ich zumindest im Spital zu Beginn noch versucht. Irgendwann hab ich mich dann allem einfach hingegeben. Danach gings für eine Weile ziemlich gut. Auch nach meiner Entlassung. Bis dann ein halbes Jahr später der Rückfall kam.

Ich kann mir vorstellen, dass das (wöchentliche?) Wiegen jeweils ganz schlimm für dich war. Hast du Tricks angewendet, um beim Gewicht zu schummeln?
Eigentlich gings. Ich wollte mein Gewicht jeweils nicht wissen. An der Reaktion der Ärzte wusste ich natürlich ob es mehr oder weniger war, aber ich wusste keine Zahl. Tricks habe ich beim Wiegen nie angewendet. Ich glaube, da war dann die Sorge um mein Leben schon gross genug. Ich wusste, dass wenn ich schummeln würde, die Ärzte nicht mehr einschätzen konnten, was oder wie viel ich brauchte. Das wird ja alles ganz genau berechnet.

Ich hatte Angst, dass ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwache

Eine Magersucht kommt ja leider oftmals nicht allein. Wie hat sich bei dir die Magersucht über die Jahre verändert? 
Ich habe das grosse Glück, dass ich total unfähig dazu bin, mich absichtlich zu übergeben. Oftmals entwickeln Betroffene eine Bulimie oder fallen ins andere Extrem, und können sich beim Essen nicht mehr bremsen. Davon wurde ich zum Glück, und dank meines ziemlich ausgeprägten Verstandes verschont. Damit war ich aber schon ein ziemlicher Ausnahmefall. Depressionen im klassischen Sinn hatte ich  nie. Jedoch wird man durch die Krankheit extrem gleichgültig und gefühlstot, was mich ziemlich fertig machte.

Gab es Momente, wo du gedacht hast, du wirst sterben?
Ja, davon gab es sogar ziemlich viele. Oftmals legte ich mich abends ins Bett und war mir nicht sicher, ob ich am nächsten Tag wieder aufwachen würde. Eine Erfahrung, die ich keinem wünsche, mich aber unheimlich wachsen ließ. Hätte ich diese Momente nicht erlebt, wäre ich bestimmt nicht mit diesem Mindset unterwegs, wie ich es heute bin.

Was hat dich Schlussendlich aus der Magersucht gebracht?
Eine ganz spezielle Freundin, die mich bereits mein ganzes Leben begleitet, hat mich eines Tages gezwungen, dort hinzusehen, wo es am meisten weh tat. Das war verdammt schmerzhaft aber der grosse Wendepunkt. Schlussendlich musst du dich aber selbst da rausbringen – das ist der einzige Weg. Es ist unheimlich anstrengend und bedarf einer immensen Kraft, die du aus dir schöpfen musst. Du musst dazu bereit sein, ganz, tief zu graben, um die Krankheit nicht nur oberflächlich zu behandeln, sondern sie richtig beim Schopf packen zu können.

Noch heute gibt es schwere Situationen

Trägst Du heute noch seelische und körperliche Nachwehen von deiner Magersucht?
Wenn du so lange mit dieser Krankheit gelebt hast, hinterlässt sie natürlich spuren. Seelisch wie auch körperlich. Ich versuche aber stets das bestmögliche aus dieser schmerzhaften Erfahrung heraus zu holen, statt mich auf ihre Überbleibsel zu konzentrieren, die mich ab und zu triggern.

Wie gross ist das Thema Essen nach deiner Magersucht?
Es rückt immer mehr in den Hintergrund. Es gibt nach wie vor gewisse Dinge, die mir etwas Mühe bereiten oder bestimmte Situationen, die mich überfordern. Ich spüre aber, wie sie Tag für Tag weniger werden. Wichtig ist einfach, diese Dinge nicht zu ignorieren, sondern sich ihnen zu stellen. Wenn eine beschissene Stimme hoch kommt, ist es wichtig, sie anzuhören und zu hinterfragen.

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Dass verharmlosen und unter den Teppich wischen ist zwar angenehmer, für Betroffene wie auch für Angehörige, jedoch der falsche Weg zur Heilung.

Magersucht wird noch immer von der Bevölkerung unterschätzt. Die Zahlen und Fakten sprechen für sich. Rund 4% der Schweizer Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Essstörung. Die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher. Nach wie vor ist Magersucht die psychische Krankheit mit der höchsten Sterberate, was alarmierend sein sollte. Das Thema gehört öffentlich diskutiert und es bedarf einer richtigen Aufklärung.

Eine gute Anlaufstelle für Betroffene wie auch Angehörige ist die Arbeitsgemeinschaft für Ess-Störungen, kurz: AES (aes.ch)

Ich danke Leila für ihren Mut, ihre ganz persönliche und sehr intime Geschichte auf meinem Blog mit euch zu teilen. Leila ist eine Kämpferin, nach harten fünf Jahren hat sie sich zurück ins Leben gekämpft und ihre Magersucht besiegt. Das verdient weit aus mehr als nur ein BRAVO, das verdient Anerkennung!

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